Der fliegende Rucksack

September 2014. Mein Mann und ich sassen im Zug von Bern nach Genf-Flughafen. In wenigen Stunden sollte unser Flug nach Edinburgh starten. Wir freuten uns sehr auf unsere erste Reise nach Schottland und genossen bereits auf der langen Zugfahrt die Vorfreude bei einem leckeren Sandwich. Mit dabei unsere beiden Reisekoffer, meine Handtasche sowie der Rucksack meines Mannes, in dem er sämtliche Reiseunterlagen wie Tickets, Pässe, Reservationsbestätigungen sowie sein Handy, Tablet und sämtliche Ladegeräte verstaut hatte.

Am Hauptbahnhof in Genf mussten wir zu unserem Erstaunen umsteigen. Ich hatte in Erinnerung, dass der Zug von Bern direkt an den Flughafen fährt. Nun gut, wir stiegen aus, der Zug fuhr weiter Richtung Nirgendwo und nur einen Wimpernschlag später fuhr jener Zug ein, der uns an den Flughafen bringen sollte. Wenige Minuten später stiegen wir am Genfer Flughafen aus dem Zug und machten uns auf den Weg Richtung Gepäckaufgabe.

Als wir so zielstrebig und vorfreudig durch den Flughafen marschierten, beide unsere Rollkoffer hinter uns her zerrend, schrie mein Mann plötzlich auf: „Der Rucksack! Ich habe meinen Rucksack im Zug liegen lassen!“ Er sprintete los, zurück auf den Perron eine Etage tiefer, und liess mich mit Koffern und Handgepäck mitten in der belebten Halle stehen. Ich war geschockt, mir lief es siedend heiss und gleichzeitig eiskalt den Rücken runter. Ich betete inbrünstig, dass mein Mann den Zug noch erwischen und den Rucksack finden würde. Da erinnerte ich mich, dass ich auf der kurzen Fahrt vom Genfer Bahnhof an den Flughafen keinen Rucksack an oder um meinen Mann herum registriert habe. Er musste ihn wohl in jenem Zug vergessen haben, aus dem wir am Bahnhof Genf ausgestiegen sind und der weiter Richtung Nirgendwo fuhr. Katastrophe! Keine Tickets, keine Pässe, nix! Reise zu Ende, bevor wir sie überhaupt antreten konnten – das durfte doch wohl nicht wahr sein!

Ich entschied mich, sofort mit Beten aufzuhören und stimmte stattdessen jedes erdenkliche Lobpreislied an, das ich kannte. Jetzt ging es darum, den Himmel über uns zu öffnen und ein Wunder zu erwirken! Und so stand ich also da am Flughafen, um mich herum emsiges Treiben, und sang von „So gross ist der Herr“ bis zu „Licht dieser Welt“ alles, was mir in den Sinn kam. Einige Minuten später stolperte mir mein Mann entgegen, völlig ausser Atem. Und ohne Rucksack. Er hatte zwar den Sprint seines Lebens hingelegt, um den Zug noch zu erwischen – was auch klappte – aber sein Rucksack war nirgendwo zu finden gewesen. Er war definitiv in jenem Zug liegengeblieben, in welchem wir von Bern an den Genfer Bahnhof gereist sind und der von dort aus weiterfuhr – wohin auch immer, jedenfalls nicht an den Flughafen…

Ich war enttäuscht und ratlos, kurz vor einem Heulkrampf. Mein Mann zerrte mich Richtung Fundbüro der SBB. Das bringe doch nichts, schimpfte ich. Bis der Rucksack irgendwo im Genfer Hinterland an einem Feld-, Wald-und Wiesen-Bahnhof gefunden werde –falls er überhaupt jemals wieder auftauche – sei unser Flug doch sowieso schon längst hinfällig. Wir traten in das Fundbüro ein und noch bevor wir uns überhaupt orientieren konnten, wohin wir uns wenden müssen, schwebte uns ein junger SBB-Angestellter entgegen – den Rucksack in seinen Händen! Wir waren wie vor den Kopf gestossen und fragten ihn, wie der Rucksack so schnell von irgendwo im Nirgendwo an den Flughafen gelangt sei, wer ihn abgegeben habe und so weiter. Der junge Mann lächelte uns nur freundlich an, nahm unseren überschwänglichen Dank gelassen entgegen und verschwand.

Zitternd vor Erschöpfung, völlig am Ende mit den Nerven und vor allem überwältigt von diesem unerklärlichen Wunder gingen wir nach draussen Luft schnappen. Wir grübelten und überlegten hin und her, wie es möglich sein konnte, dass der Rucksack aus einem Zug, der explizit nicht an den Flughafen fuhr, innert wenigen Minuten den Weg von dorthin ins SBB-Fundbüro am Flughafen gefunden hatte. Wie wir es auch drehten und wendeten: Es war nach menschlichem Ermessen schlicht nicht möglich. Gott hatte übernatürlich eingegriffen und somit unsere Reise gerettet! Und war es überhaupt ein Angestellter, der uns den Rucksack übergeben hatte, oder gar ein Engel?

Uns schwirrte der Kopf. Wir waren noch lange Stunden zittrig und hatten Gänsehaut, doch vor allem dankten wir Gott für Sein Eingreifen. Im Übrigen war diese Reise nach Schottland die schönste, die wir je gemacht hatten. Wir verliebten uns schon am ersten Tag in dieses wundervolle Land und genossen eine überwältigende, inspirierende und vor allem gesegnete und völlig pannenfreie Woche.

Nicole und Marcel Mentele

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