Das Chilischotenbäumchen

Letzten Sommer bekamen wir eine kleine Chilipflanze. Sie wuchs auf unserem Balkon, machte Schoten und diese reiften heran. Ab und zu holte ich mir eine Schote oder zwei, um sie einer Sauce beizugeben, was mein Ehemann liebt. Jedes Mal, wenn ich die Chilischote sorgfältig rüstete, begannen meine Augen zu tränen, die Nase zu laufen und ich musste niesen und husten. Trotzdem war es an der Zeit, die ganze Ernte einzubringen.

Ich fragte meinen Ehemann, ob er mir die Chilischoten verarbeiten würde. Das machte er gern. Obwohl es gegen zwanzig Schoten waren, gab es kein Niesen, kein Husten, keine Tränen. Für mich wurde diese Tatsache zu einem Gleichnis der besonderen Art. Ich stellte fest: Mein Mann erledigt etwas problemlos, das zu tun ich selber schlicht vergessen kann.

Eines Tages tauchte eine delikate Frage in unserer Familie auf. Wir kamen alle gemeinsam zu einer Entscheidung, aber ich merkte, dass ich eine betroffene Drittperson darüber informieren musste. Mein Mann sah hierfür keine Notwendigkeit. Ich tat es trotzdem.

Wie sehr brauchen wir einander als Ergänzung! Was ich nicht kann, macht vielleicht mein Partner spielend. Wo ich feinfühlig reagiere, läuft vielleicht bei meinem Gegenüber nichts ab. Und so sind wir nur gemeinsam ein Ganzes.

Wie verhält es sich im Alltag? Kürzlich erlebte ich eindrücklich, wie für einen Mann die Meinung eines anderen Mannes viel mehr zählt als die einer Frau. Ist es nicht auch bei uns Frauen so, dass wir uns lieber eher mit anderen Frauen unterhalten? Das Denken des eigenen Geschlechts ist uns doch viel näher.

So landen wir aber in einer Sackgasse und werden nicht zur Braut Christi. Warum nicht einen guten Vorsatz fassen fürs neue Jahr? Ich will das andere Geschlecht, meinen Ehepartner, besser kennenlernen und dennoch mich selber bleiben. Wir sind doch so genial ergänzend!

Erika Steiner

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